Offener Brief von Angehörigen der Opfer von Winnenden
Am letzten Samstag (das war der 21. März 2009) wurde auf der Titelseite der Winnender Zeitung ein offener Brief von sechs Angehörigen Familien der Opfer des Amoklaufs von Winnenden abgedruckt. In diesem Brief fordern die Autoren Einiges, das ihrer Meinung nach die Situation in Deutschland ändern soll und die Wahrscheinlichkeit weiterer Amokläufe senken soll. So fordern die Autoren beispielsweise die Beschränkung des Zugangs junger Menschen zu Waffen und den Verzicht von großkalibrigen Waffen im Schießsport. Forderungen nach Weniger Gewalt und mehr Jugendschutz im Internet werden laut, es dürfe nicht sein, dass sich junge Menschen anonym gegenseitig aufhetzen und zu Gewalteskalation auffordern.
Die Angehörigen fordern weiterhin die Presse auf, den Namen des Amokläufers nicht mehr zu nennen und seine Bilder nicht mehr zu zeigen. Ihrer Meinung nach wäre die Heroisierung des Täters die Folge.
Die Autoren sind der Meinung, Medien müssten dazu verpflichtet werden, Täter bei “Gewaltexzessen wie in Winnenden” zu anonymisieren, um Nachahmungstäter zu verhindern.
Nebenbei wird auch der Ruf nach einem Verbot für sog. “Killerspiele” laut.
Meiner Meinung nach haben die fünf Familien, die diesen Brief verfasst haben, ein Recht darauf, dass etwas getan wird. Alleine schon, um die Regierung/Justiz nicht untätig zu sehen. Allerdings bin ich auch der Meinung, dass hier u. A. an den falschen Ecken gehandelt wird.
Sicher, die Frage, wie es sein kann, dass Jugendliche an Waffen und scharfe Munition kommen steht sehr weit vorne – meine Meinung. Allerdings sehe ich keinen Sinn darin, das Internet zu zensieren, den Täter zu anonymisieren oder “Killerspiele” zu verbieten.
1. Internetzensur
Auch wenn ich mir im Klaren bin, dass hier nicht direkt die Forderung nach Zensur laut wird – indirekt ist das nichts Anderes. Kontrolle müsste stattfinden durch staatliche Stellen – ein viel zu großer Aufwand durch die Vielzahl an Internetseiten (wovon wahrscheinlich einige nichtmal in Suchmaschinen wie google auftauchen). Sollte diese Kontrolle aber nun stattfinden, müssten die staatlichen Stellen den Seitenbetreiber in die Pflicht nehmen, entsprechende Inhalte vom Netz zu nehmen. Und mit welcher Rechtsgrundlage? In Deutschland herrscht generell Meinungsfreiheit.
(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. [...] Eine Zensur findet nicht statt.
Artikel 5, Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland
Dies gilt nur in wenigen Ausnahmen nicht.
Nebenbei frage ich mich, was der Amoklauf von Winnenden mit Jugendschutz im Internet zu tun haben soll. Entgegen der Berichterstattung der Medien und offiziellen (!) Presseberichten der Polizei kündigte der Täter sein Vorhaben vorher nicht an. Die entsprechende Nachricht ist eine Fälschung eines anderen Gesprächs des Täters, in dem es nicht um den Amoklauf ging. Die betroffene Website lieferte dazu auch ein umfassendes Statement ab, in dem man sich von jeglichen Ankündigungen des Amoklaufs distanzierte.
2. Anonymisierung des Täters bzw. eventueller Folgetäter
Der Name des Täters soll nicht mehr genannt werden und eventuelle Folgetäter sollen anonymisiert werden, um sie nicht zu heroisieren. Die Autoren des Briefes beschreiben dies als “eine zentrale Komponente zur Verhinderung von Nachahmungstaten”. Ich sehe das anders. Man kann Nachahmungstaten nicht dadurch verhindern, dass man den Namen eines Täters und seine Bilder unter Verschluss hält. Wenn jemand einen Amoklauf plant und durchführt, dann liegt weit mehr vor als nur eine vergangene Tat als Vorbild. Hier sind die Gründe wohl doch eher in der Psyche des Betreffenden zu suchen.
3. Das Verbot von “Killerspielen”
Mit dem gewünschten Verbot von “Killerspielen” zeigen die Angehörigen meiner Meinung nach den gleichen politischen Stumpfsinn wie eben die Politiker, die ebenfalls ein solches Verbot fordern. Was genau ist ein Killerspiel? Ursprünglich wurde Paintball oder ähnliche taktische Feldspiele so bezeichnet, also Spiele, die real stattfinden und wo man mit Farbkugeln auf echte Menschen schießt. Der Begriff der Killerspiele wurde so weit ausgedehnt, dass Computerspiele, in denen es auf den ersten Blick darum geht zu töten, ebenfalls dazugehören. Wenn man den Faden weiterspinnt, zählt Schach genauso dazu (siehe dazu auch www.stigma-videospiele.de). Meiner Meinung nach sollten die Gründe eines Amoklaufs tatsächlich an anderen Stellen gesucht werden. Der von den Medien und der Politik breitgetretene Begriff “Killerspiele” zeugt von sachlicher Unkenntnis und keiner Motivation, sich mit dem Thema inhaltlich genauer zu befassen.
Dieser Beitrag wurde von Julian Rabe am 23. März 2009 um 23:39 Uhr in Politik geschrieben.
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[...] Zensur statt. Und das sollte nicht passieren. Wozu haben wir ein Grundgesetz? Da steht das drin (hier bin ich auch schonmal darauf eingegangen). Zensur. Internetzensur. China. Olympische Spiele 2008. [...]